MSN Messenger Nostalgie
Als Smileys noch animierten. Eine Ehrenrunde durch die Welt von MSN, ICQ und Yahoo Messenger.
Wer Mitte der 2000er einen Windows-XP-Rechner besaß, kannte das Geräusch: dieses „Nudge”, dieses sanfte bong-bong-bong, das das ganze Chatfenster wackeln ließ. Es war das Statussymbol einer Generation, der das Internet zum ersten Mal in den eigenen Wohnzimmern privat zur Verfügung stand.
Die drei Königreiche: MSN, ICQ, Yahoo
Zwischen 2002 und 2010 teilte sich der westdeutsche Instant-Messaging-Markt zwischen drei Anbietern auf:
ICQ kam zuerst — gegründet 1996 von der israelischen Firma Mirabilis, später an AOL verkauft. Seine 9-stelligen UIN-Nummern wurden zum Identifikator einer Generation. Wer eine sechsstellige UIN besaß, war Pionier. Wer eine siebenstellige hatte, war früh dabei. Achtstellig: Spätzünder. Das blinkende Blümchen-Symbol, wenn jemand online kam, ist eines der erkennbarsten Soundeffekte des frühen 2000er-Webs.
Yahoo Messenger war das amerikanische Geschwister mit den charmanteren Smileys — die berühmten gelben „smiley faces” mit ausgeprägtem Charakter. Yahoo investierte ungewöhnlich viel in Smiley-Design: animierte Reaktionen wie 🤦, 🥱, 🤷 existierten dort lange vor ihrer Unicode-Aufnahme.
MSN Messenger (später Windows Live Messenger) übernahm in Deutschland ab 2003/2004 die Marktführerschaft. Microsofts Integration mit Hotmail-Konten, der „Nudge”-Button, die Status-Persönlichkeitsmeldungen, das automatische Smiley-Ersetzen — all das machte MSN für deutsche Teenager das, was heute WhatsApp ist.
Die Smiley-Substitution: Tippen, ersetzen, animieren
Das technische Detail, das viele Smiley-Hosts geboren hat: Microsoft und Yahoo unterstützten ab Mitte der 2000er eigene Smileys — sogenannte custom emoticons. Nutzer konnten in den Einstellungen ein lokales GIF (oder PNG) hinzufügen und ihm eine Tastenkombination zuweisen. Tippt der Nutzer dann diese Kombination, ersetzt der Client sie automatisch durch das Bild.
Smilietown.de und Konkurrenten lieferten genau die GIFs, die sich für diese Custom-Emoticon-Slots eigneten. Eine ganze Generation tauschte über Forensignaturen heimliche Code-Wörter aus: „nimm den Smiley mit den :wackelnden: Augen, der ist top”.
Statusnachrichten als Identitätsperformance
Eine Eigenheit von MSN, die in heutigen Messengern völlig fehlt: die Statusnachricht. Ein kleiner Text neben dem Anzeigenamen, in dem MSN-Nutzer Zitate, Songtexte, vagen Liebeskummer oder Inside-Jokes platzierten. Damit:
- „offline. ruft an”
- „zu hause aber unter mir”
- „HEY, you ★★★ are listening to: Die Toten Hosen — Hier kommt Alex” (per Plugin live mit dem MP3-Player synchronisiert)
- „7 Tage 7 Nächte ohne dich…”
Forensignaturen waren ein verwandtes Phänomen: die gestempelte Identitätsperformance des Web-2.0-Zeitalters. Während MSN-Statusnachrichten flüchtig waren, gab die Forensignatur eine stabilere Selbstdarstellung, oft mit drei bis sechs animierten Smileys aus Sammlungen wie Smilietown.
Das Ende einer Ära
ICQ verlor ab 2008 stetig Nutzer. MSN Messenger wurde 2013 von Microsoft zugunsten von Skype eingestellt. Yahoo Messenger lief bis 2018. Ab da übernahmen Smartphone-Apps — erst BBM, dann WhatsApp, später Discord, Slack, Signal — die Funktion. Der Smiley wechselte von „custom emoticon” (lokal) zu „Unicode-Emoji” (vom System bereitgestellt).
Was blieb: die Hotlinks. Sehr viele Forensignaturen aus der ICQ/MSN/Yahoo-Ära hängen heute noch in vBulletin-, phpBB- und XenForo-Foren, mit <img src="http://www.smilietown.de/..."> und einer 17 Jahre alten Pose. Solange die Domains und die Pfade leben, leben diese kleinen Lebenszeichen weiter — drei tanzende Smileys in der Signatur eines Forennutzers, der seitdem nicht mehr eingeloggt war.
Quellen & weiterführend
- Wikipedia: MSN Messenger, ICQ, Yahoo Messenger
- Web-Archive-Snapshots der MSN-Custom-Emoticon-Datenbanken (2005–2010)