Emoji oder Emoticon?
Zwei Wörter, zwei Welten. Eine Begriffsklärung mit historischem Anhang und einem Plädoyer für das ältere.
Die Begriffe werden im Alltag synonym verwendet. Sie bezeichnen aber zwei fundamental verschiedene Dinge.
Emoticon
Ein Emoticon ist eine Zeichenkombination aus normalen Tastatur-Zeichen, die ein Gesicht oder eine Emotion andeutet. Das Wort ist ein Kofferwort aus emotion und icon, geprägt um 1990. Die ältesten dokumentierten Beispiele:
:-)lächelnd:-(traurig;-)augenzwinkernd:-Dlachend:-Pzungeherausstreckend<3herzig
Diese Notation ist plattformunabhängig — sie funktioniert in jedem System, das ASCII-Zeichen darstellen kann. Sie ist außerdem westlich-horizontal: man legt den Kopf nach links, um das Gesicht zu erkennen.
Parallel existiert in Japan die Kaomoji-Tradition (顔文字, „Gesichts-Zeichen”). Diese ist vertikal lesbar und nutzt erweiterte Zeichensätze:
(^_^)glücklich(>_<)Schmerz / Anstrengung(T_T)weinend(¬_¬)skeptisch(╯°□°)╯︵ ┻━┻Tisch umwerfen
Sowohl westliche Emoticons als auch japanische Kaomoji sind Emoticons im engeren Sinne — Text-basiert, Tastatur-erzeugt, plattformneutral.
Emoji
Ein Emoji ist ein einzelnes Bildzeichen aus dem Unicode-Standard. Das Wort kommt aus dem Japanischen — 絵文字, e-mōji — wörtlich „Bild-Zeichen”. Die phonetische Ähnlichkeit zu emoticon ist Zufall.
Emoji sind bilder-basiert, nicht text-basiert. Wenn du 🙂 tippst, sendest du ein konkretes Unicode-Codepoint (U+1F642), das jede empfangende Plattform mit ihrem eigenen grafischen Asset rendert: Apple zeichnet einen runden, glänzenden Smiley; Google einen flacheren; Microsoft einen kantigeren; Samsung wieder einen anderen.
Das hat zwei wichtige Konsequenzen:
- Emoji sind plattformabhängig in der Darstellung. Das gleiche Codepoint sieht auf verschiedenen Geräten unterschiedlich aus.
- Emoji sind sprach-unabhängig in der Bedeutung. Während
:-)in nicht-westlichen Kulturen erst erklärt werden muss, ist 🙂 als Smiley global verständlich.
Der historische Zusammenhang
Die Emoji-Geschichte beginnt 1999 in Japan, als der Mobilfunkanbieter NTT DoCoMo unter Federführung von Shigetaka Kurita ein Set aus 176 zwölf-mal-zwölf-Pixel-Bildchen für seinen i-mode-Dienst entwirft. Diese werden zwischen den japanischen Mobilfunkanbietern ausgetauscht und zur kulturellen Konvention.
2007 schlägt Google dem Unicode-Konsortium die Aufnahme von Emoji in den internationalen Zeichensatz vor. 2010 werden 722 Emoji in den Unicode-6.0-Standard aufgenommen. Apple integriert sie 2011 in iOS 5 — und damit erreichen sie westliche Massenmärkte.
Und die animierten GIF-Smileys?
Die animierten Smiley-GIFs der MSN-Messenger- und Forensignaturen-Ära sind streng genommen weder Emoticons noch Emoji. Sie sind eine dritte Gattung:
- Sie sind keine Emoticons (nicht aus Zeichen gebaut)
- Sie sind keine Emoji (nicht im Unicode-Standard)
- Sie sind eigenständige Bild-Assets im GIF-Format, die per Hotlink oder Custom-Emoticon-Funktion in Texte eingebunden werden
Manche Linguisten und Designer schlagen für diese Kategorie das Wort Stickers vor (analog zu den Sticker-Sets in WhatsApp, Telegram, Signal). Allerdings ist das auch ungenau — Sticker werden meist als eigenständige Nachricht verschickt, während GIF-Smileys in Text eingebettet werden.
Plädoyer für das ältere Wort
Ich finde, Emoticon verdient seinen Platz im Vokabular. Es benennt etwas, das im Emoji-Zeitalter zu verschwinden droht: die Verspieltheit, mit der man im Web der 1990er und 2000er aus drei Tastenanschlägen ein Gesicht baute. Wer :-) schreibt, statt 🙂 zu tippen, signalisiert: ich erinnere mich an die Zeit, als man Emotion noch selber bastelte.
In diesem Sinne: bleibt höflich.
:-)